Mal was berufliches
20 Jul
Hatte ich eigentlich schon erwähnt, dass mit mein Job hier ganz doll Spaß macht? Wenn nicht, dann tu ich das hiermit. Wer’s nicht weiß – ich arbeite als Projektmanager bei vFound hier in Buenos Aires, einer kleinen Online Marketing Agentur mit Schwerpunkt auf Suchmaschinen- und Social Media Marketing. Klingt spannend, oder? :)
Mir fallen öfters kleine aber feine Unterschiede im Arbeitsleben hier in Argentinien auf, die ich so aus Deutschland nicht kenne. Um mal ein paar Beispiele zu nennen:
Jeder wird geduzt und geküsst. In Buenos Aires zumindest duzt sich jeder, auch im Job. Kollegen ebenso wie Kunden, ganz gleich ob man die Leute erst vor 2 Minuten kennen gelernt hat. Das gleiche gilt für das Begrüßungsküsschen auf die Wange – da kommt man nicht drumrum. :) Schon dieser “Einstieg” finde ich bei Meetings mit Kunden, Partnern etc. sehr angenehm, weil es einfach die Stimmung etwas auflockert, es wird erst mal ein bisschen geschnattert über’s Wetter und wenn dann der Kaffee fertig ist, geht’s an die Arbeit.
In den Meetings selbst bin ich manchmal genervt. Die höfliche Eigenart, jemanden zuerst ausreden zu lassen, bevor man seinen eigenen Senf abgibt, ist hier nicht sehr verbreitet. Der der am lautesten redet und es schafft, den anderen zu unterbrechen, hat das Wort. Dementsprechend schweigend sitze ich dann in so manchem Meeting und denke nur “könnt ihr nicht einfach mal für 2 Sekunden alle die Klappe halten, ich will auch mal was sagen!”.
Was mir in den letzten Monaten außerdem aufgefallen ist, ist das riesige Potenzial an kreativen Köpfen, die hier in Argentinien rumhüpfen. Kürzlich haben wir mit dem Gründer von Popego.com zusammen gesessen – ein 26jähriger Jungspund mit irren Ideen, der schon wieder an einer neuen Technologie arbeitet, die wir als Betaversion mal testen konnten: Meaningtool.com.
Ein anderer verrückter Haufen ist Threemelons.com. Die Jungs (ich glaube da arbeiten wirklich nur Jungs, eine Sekretärin hab ich sehen können, mehr nicht ;) entwickeln Onlinespiele für Social Networks (Facebook & Co.). Wenn der Deal aufgeht, machen wir bald ein crazy Projekt mit denen! Daumen drücken!
Kürzlich war ich bei einem Event von Google, ein paar Vorträge zum Thema Google Analytics, AdPlanner, Insight Search u.a. neue/aktualisierte Produkte. Sehr interessante Vorträge, meist von Google-Mitarbeitern aus Palo Alto, die sich mit Highschool-Spanisch zumindest vorgestellt haben, den Vortrag dann aber auf Englisch hielten. In der Kaffeepause wurde ich und eine Kollegin von einem Kamerateam von Google interviewt. Wir waren einfach zum Opfer geworden, weil wir so ziemlich die einzigen Frauen bei der Veranstaltung waren. Naja, wir haben versucht ein paar schlaue Sachen ins Mikrofon zu blubbern (ich glaub es ist uns nicht ganz gelungen) und danach mussten wir noch einen Zettel unterschreiben, damit Google das Material verwenden darf. Kürzlich wurde im Google-Channel bei Youtube die Videos von den Vorträgen hochgeladen. Panisch haben wir uns alle Videos angeschaut und erleichtert festgestellt, dass unsere Gesichter dort nirgendwo auftauchen. :-)
So ungefähr schaut mein Arbeitsalltag aus. Verrückte Leute treffen, verrückte Ideen entwickeln, den Kunden davon überzeugen, dass er genau dies braucht und dann ran an die Arbeit. Zum Glück sind die meisten Kunden (bisher) ziemlich offen gegenüber neuen Ideen, auch wenn sie anfangs gar nicht so recht wissen wovon wir reden, wenn wir von unseren Erfolgserlebnissen bei Facebook und Twitter erzählen. Und wenn ihr jetzt auch verwirrt seid und nicht wisst wovon ich rede… keine Bange, einfach nachfragen. In diesem Sinne, auf in eine neue Arbeitswoche!
Ach, noch ein kleiner aber feiner – und wichtiger – Unterschied: spätestens 18 Uhr ist Feierabend, da duldet der Chef keine Ausnahmen. Ich beuge mich dieser Regel ohne jegliche Widerrede. ;-)
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Schöner Beitrag, damit machst du sicherlich einige neidisch. Ich denke das größte Problem in Deutschland ist, dass immer zu erst darüber nach gedacht wird “wie kann ich damit Geld verdienen?”.
Und der gesamte Fokus wandert dann eben darauf das gesamte Konzept (sofern eines Vorhanden ist) zu monetarisieren (schönes Wort).
Deshalb kommen aus DE auch keine schönen Projekte, wie Twitter, oder Google, oder ebay oder …
Bei Twitter hätte jeder Chef in DE erstmal gefragt “Und woher soll do die Penuze kumme?” (in einem schönen Mannemer-Dialekt, Ähnlichkeiten zu lebenden Personen sind rein zufällig). Und Venture Capital … das können die meisten Banker hier nichtmal aussprechen, geschweige denn in die Tat umsetzen.
Die Spaßkasse finanziert Kneipen, Geschäfte … aber einen Microbloggingdienst? …
Ich stand selbst mit einer Idee vor so einem Typen, voll mit Start-Up Geist, “Just do it”, “Yes we can” … und er “Was haben sie für Sicherheiten?” … Sicherheiten? Mit 25? … Ehrm, WTF?
Nein sorry, ich habe keine reichen Eltern. Support? Von wem? Von der IHK? … Hahahahaha… guter Witz.
Crazy sein! Das ist wichtig. Aber wie soll ein Volk dessen crazyness mit den Noten “Betragen” und “Verhalten” bewertet wird wirklich crazy sein?
Naja …
… ich schweife ab! Cool das es in Argentinien so cool ist! ;)
Sehr interessanter Beitrag, wieder mal. Wie läuft denn die Begrüßung normalerweise unter Männern ab? Hab mal gehört, dass sich da auch fleißig umarmt wird.
Erstaunlich fand ich auch, dass sich selbst Geschäftspartner in e-mails scheinbar völlig normal mit einem “un abrazo” verabschieden. Wäre ja in Deutschland undenkbar, selbst unter guten Freunden.
@Falingo – Ich weiss was du meinst. :) Ich glaube die Flexibilität und Spontanität hier in Argentinien hat auch viel damit zu tun, dass Unternehmen aus Europa oder USA hier investieren, weil sie wissen dass es hier kreative Koepfe mit verrueckten Ideen gibt die bezahlbar sind! Wenn ich manchmal die Preise hier sehe muss ich echt lachen und denk mir so “in DE müsste man noch ne 0 dran hängen und aus dem Pesos-Zeichen das Euro-Zeichen machen.” Leute sind hier auch generell viel flexibler und offener für neue Ideen. Generell – zuerst wird die Idee entwickelt und erst später wird geschaut, wer das finanzieren kann. Und meist findet sich jemand, der verrückt genug ist. Auch die Stadt Buenos Aires unterstützt innovative Projekte mit Kapital und Personal. Wir arbeiten gerade an einem Projekt für das uns die Stadt den Programmierer finanziert.
@Volker – Ja, die Argentinier umarmen und küssen gerne. Auch unter Männern, egal ob Freund oder Geschäftspartner! In Emails geht’s meistens so los: Anfangs heissts noch “Saludos” (Grüsse), in der nächsten Mail folgt bereits der “Abrazo” (Umarmung) und wenn man dann ein paar Mails mehr schreibt und nett miteinander auskommt, gehts hin bis zum “un beso” (Kuss). Aber das bedeutet nicht so richtig irgendwas… is einfach nur nett. :)
Hallo Mandy
jaja das liebe Geld in Deutschland.
In Argentinien hab die Leute sowieso nicht soviel Geld und das ist genau der Punkt wo sich die Latinos von den Alemanen unterscheiden.
Erst mal ein Projekt machen und dann schauen wie es monetaresiert werden kann. Und Idee haben die mehr als wir da wir Deutsche eine Gedankensperre haben, GELD GELD GELD.
Ich beneide Dich dass Du unter sovielen netten Menschen arbeitest. Konnte es auch schon zum Teil auf den Philippinen geniesen, aber immer nur kurz da ich wieder zum Geld verdienen nach Deutschland musste.
Aber es kommt der Tag an dem ich Deutschland “Never come back” sagen werde und ich dann auch unter viel netteren Menschen arbeiten werde.
Saludos o mejor un besito Joachim